Comeback des Erzählens?

Verfasst von Klaus Kusenberg
am 17. Dez 2019

Die Formensprache des Theaters hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm erweitert, ebenso die Liste der Themen, für die das Theater sich zuständig fühlt. Höchst unterschiedlich präsentieren sich die verschiedenen Produktionen, die dem Zuschauer angeboten werden. Da gibt es den mit kräftiger Regie-Handschrift für den Zeitgenossen eingerichteten Klassiker – hatten wir zum Beispiel im letzten Jahr mit KÄTHCHEN VON HEILBRONN. Oder der interessierte Theatergänger trifft auf das authentische Recherche-Projekt am Puls der Zeit wie zum Beispiel LOCKERROOM TALK oder auf die aktuelle Jelineksche Textflächen-Performance AM KÖNIGSWEG. All das fand sein Publikum, waren gelungene und geschätzte Theaterabende – aber wirklich überrascht hat mich etwas anderes.

Vier sehr verschiedene Stücke, alle in dieser oder der letzten Spielzeit zur Premiere gelangt: WER HAT ANGST VORM WEISSEN MANN, eine Anti-Rassismus-Komödie über einen verbohrten Metzgermeister und seinen plötzlich unentbehrlichen kongolesischen Helfer.

(im Bild: Kristof Gellen und Inga Behring, rechts) Foto: Marion Bührle

WISH LIST, ein neues Stück aus England über den berührenden Kampf zweier junger Leute um ein Leben in Würde in einem Klima zunehmender sozialer Härte.

(Im Bild: Denia Nironen und Guido Wachter, rechts) Foto: Marion Bührle

VOR SONNENAUFGANG – ein junger Autor erzählt mit Gerhard Hauptmanns Personal eine heutige Geschichte über Enttäuschungen, Depression und politische Abgründe zwischen Populismus und sozialer Gerechtigkeit. Und schließlich OSLO – auf realen Fakten beruhend, wird aus der Entstehungsgeschichte des historischen Abkommens zwischen Israel und Palästina ein packender Thriller, der seine aktuelle Relevanz mühelos über die Rampe bringt.

(im Bild: Katharina Solzbacher und Gero Nievelstein, rechts) Foto: Jochen Quast

Allesamt realistisch erzählte Geschichten mit klar umrissenen, vielschichtigen Figuren, eingebunden in eine spannende Dramaturgie – also das Gegenteil von Performance, Multimedialität und Interaktivität. Und doch stoßen alle vier Inszenierungen bei Publikum und Presse auf begeisterte Zustimmung, teilweise müssen zusätzliche Vorstellungen angesetzt werden, OSLO wechselt sogar die Spielstätte, damit es im Repertoire bleiben kann. Jetzt könnte man einwenden: Okay, das gefällt halt den Regensburgern, aber etwas weiter weg, da weht ein anderer Wind. Weit gefehlt: Auch außerhalb der Stadt und in der Fachpresse werden die erwähnten Produktionen sehr positiv aufgenommen. Mit VOR SONNENAUFGANG sind wir zu den Bayerischen Theatertagen 2020 eingeladen, in theater heute, im Bayerischen Fernsehen und in der Süddeutschen Zeitung kann man viel Positives lesen. In der Vergangenheit war das oft anders, Stücke dieser Art lösten oft geradezu reflexhaft Hohn, Spott und Ignoranz aus. Haben wir es mit einem Comeback des Erzählens zu tun? Vielleicht. Es wäre ja auch zu schade, wenn ausgerechnet bei uns, in einer Theaterlandschaft, um die uns der Rest der Welt beneidet, wenn ausgerechnet bei uns unser Kerngeschäft, das Schaffen von Fiktion, aus der Mode geriete – wenn ausgerechnet jetzt, wo das spannende und kunstvolle Erzählen von Geschichten einen weltweiten Boom erlebt, wenn wir ausgerechnet jetzt verlernten, damit umzugehen.

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